
Ich habe 2018 die Diagnose bekommen und bin seitdem in ambulanter Therapie. Wobei… nein. Ich habe Glück gehabt und nach 7 Monaten Wartezeit einen Therapieplatz bekommen. Andere warten länger… und ich finde es unmöglich.
Bei mir waren Traumata (aktuelle und uralte, die durch die aktuellen ausgelöst wurden) die Ursache und ich habe vor dem Neurologentermin längere Zeit in einer Zwischenwelt verbracht. Fokussiert auf eine Sache, damit ich irgendwie überlebe. Der Gedanke „Wenn du jetzt den Baum richtig triffst, ist das Chaos vorbei“ begleitete mich regelmäßig auf meinen Autofahrten.
Wenn ich heute an die Zeit ohne Therapie denke, frage ich mich immer noch, wie ich das durchgestanden habe. Und ich frage mich, was ich engen Freunden zugemutet habe.
Depressionen sind eine miese Sache. Für alle! Ich kann alle Positionen nachvollziehen… als Freund/Freundin ist man überfordert und fragt sich, was man tun kann. Aussagen wie „Das wird schon wieder“ oder auch „Stell dich nicht so an, du dramatisierst alles so“ rutschen einem so raus, weil man die Empfindungen und neuronalen Verknüpfungen nicht verstehen kann. Mit solchen Sprüchen hilft man nicht. Es kommt als Vorwurf an und ich habe mich in der Situation immer noch schuldiger gefühlt. Und ich habe mich noch mehr zurückgezogen.
Als Betroffener hat man Probleme mit den kleinsten Dingen. Die Entscheidung aufstehen oder liegen bleiben, ist die erste Entscheidung, die mich oft genug schon an die Grenzen brachte. Kontakte zu anderen waren unglaublich anstrengend auf der einen Seite – auf der anderen Seite konnte ich nicht alleine sein. Ich habe versucht, mich zusammenzureißen und dem Bild der anderen zu entsprechen. Es ist unglaublich schwer, positive Gedanken zu haben – dabei sehnt man sich danach.
Meine Therapeutin ist unglaublich gut – und ich reflektiert und gewillt, an meinem IST-Zustand etwas zu ändern. Ich bin unglaublich froh, dass ich sie habe und sie hat mich in einer Zeit erlebt, in der mich die wenigsten erlebt haben, weil ich mich von allem zurückgezogen habe. Wenn ich Tagebucheinträge aus der Zeit lese, erschrecke ich mich selbst inzwischen und ich möchte nie wieder so tief fallen.
Aber: ich weiß, dass es wieder kommen kann. Schicksalsschläge, Hiobsbotschaften, Krisen oder andere belanglosere Dinge können mich wieder in das Loch ziehen, aus dem ich geklettert bin. Ich habe letztens gesagt, dass es auch so noch Momente gibt, wo ich negative Gedanken habe – aber anders als in der Akutphase habe ich Freude am Leben entwickelt. Ich schiebe die Gedanken zur Seite und fokussiere mich auf das Positive in meinem Leben. Aber an manchen Tagen kostet es mehr Kraft als an anderen Tagen.
Ich glaube, dass es mir sehr geholfen hat, dass ich sehr enge Freunde an meiner Seite hatte, die meistens einfach nur da waren und situationsbedingt reagiert haben. Einfach da sein und zuhören… mache ich heute auch gerne, aber für mich inzwischen mit Einschränkungen. Mir ist es auch eine Hilfe, Probleme von anderen nicht mehr zu meinen zu machen. Grenzensetzung ist mein ganz großes Thema gewesen und ich bin froh, dass ich es gelernt habe.
Ich lebe mit Depression. Ich bin froh, dass es immer mehr Menschen gibt, die darüber sprechen, singen und in Talkshows diskutieren. Psychische Erkrankungen werden immer noch oft als „die tut nur so“ abgetan. Ich möchte, dass das eines Tages anders wird. Ich bin ein Mensch, mit Gefühlen. Ich bin ein Mensch mit Wünschen und Zielen. Und ich bin ein Mensch mit Depression. Das eine schließt das andere nicht aus… gelegentlich schließt die Depression Wünsche und Ziele ein. In eine Box und vergräbt sie in der hintersten Ecke meines Bewusstseins…
Was mich ebenfalls durch diese Zeit getragen hat, war mein Glaube an Jesus und das Wissen, dass er in den dunkelsten Stunden dabei war und ist. Ich darf an einen Gott glauben, dem es reicht, wie ich bin und der bedingungslos liebt. Jede Krise hat mich in meinem Glauben gestärkt und die Depression hat es nicht geschafft, ihn kleiner werden zu lassen. Eher im Gegenteil.
Ja, Depression kann mich wieder umhüllen wollen… aber ich habe genug mentale Werkzeuge und Dinge inzwischen in meiner Schatztruhe, damit ich nicht wieder so tief versumpfe. Und ich wünsche jedem, dass er sich selbst so annimmt, wie er ist. Mit all seinen Stärken und Schwächen, all den Erkrankungen, Einschränkungen und Problemen. Du bist geliebt – selbst wenn du nicht daran glaubst, glaube ich genau das für dich mit.
Vielleicht setzte ich hier jetzt auch ein Doppelpunkt, denn diese Themen werden nie ein Ende finden… für heute war es das aber.